Migration im Kindergarten – #bloggerfuerfluechtlinge

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Dies ist mein Beitrag zu #bloggerfuerfluechtlinge. In den letzten Jahren sind die Flüchtlingszahlen stark angestiegen. Bedingt durch diesen Anstieg, hat sich auch die Anzahl der Flüchtlingskinder in den Kindergärten erhöht. Aber haben Flüchtlinge überhaupt das Recht, ihre Kinder in einem deutschen Kindergarten unterzubringen? Welche Probleme treten auf? Und gibt es Alternativen?

Wie ist der Rechtsanspruch?

Ein Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz besteht nicht durch das Überschreiten der Grenze. Erst durch eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis (oder auch eine Duldung), besteht Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Im Regelfall also, sobald das Kind aus einer der Erstaufnahmeeinrichtungen in die jeweilige Gemeinde geschickt wurde, in der es bleiben soll. Der Anspruch auf einen Platz ist der gleiche, wie bei einem deutschen Kind. So kann ein einjähriges Kind sofort in einen Kindergarten geschickt werden – theoretisch. Eine Pflicht zum Kindergartenbesuch besteht natürlich nicht.

Warum werden dann nicht alle Kinder in den Kindergärten untergebracht?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zuerst einmal die Planbarkeit. Leider werden den einzelnen Gemeinden zwar theoretisch eine geschlüsselte Anzahl an Asylbewerbern zugewiesen, allerdings wird hier nicht darauf Rücksicht genommen, um wen es sich handelt. Eine Gemeinde kann zwar theoretisch 20, 40 oder 100 Kindergartenplätze für Kinder von Asylbewerbern freihalten, im schlechtesten Fall kommen aber nur Männer und Frauen, und kein einziges Kind an. Oder sie hält keine Plätze vor und es kommen nur Familien mit kleinen Kindern. Die Anzahl der Personen die kommen ist auch eine Variable, die Niemand vorhersehen kann. Oder auch, ob die Personen wirklich ankommen, oder einfach weiterreisen. So kann es schon mal sein, dass eine Familie angekündigt wird, aber nie ankommt. Diese Familien sind dann einfach weg, und niemand weiß, wohin.

Für die Planungen und Überlegungen haben die Gemeinden aber absolut ausreichend Zeit, so um die 7 (in Worten SIEBEN!!!) Tage. Dass bei so einem Fahrplan die Unterbringung im Kindergarten eventuell nicht als Top-Priorität gehandhabt wird, ist wohl zu verstehen. Gerade wenn die Flüchtlingszahlen steigen und der Winter vor der Tür steht. Dennoch besteht der Rechtsanspruch und die Gemeinde muss den Platz freihalten oder schaffen. Nehmen wir an, das ist gegeben. Dann kommt die 2. Hürde.

Der Platz muss nämlich beantragt werden. Der gute Fall ist, die Familie versteht vielleicht schon ein bisschen Deutsch, hat einen Dolmetscher oder einen Antrag in Landessprache (und sie können auch lesen und schreiben), dann steht der Beantragung des Kindergartenplatzes nichts im Wege. Allerdings nur, wenn sich die Familie den Platz auch leisten kann. Denn die Eltern zahlen natürlich auch einen Elternbeitrag, genau wie die deutschen Eltern. Da dieser in der Regel nicht von den Eltern erbracht werden kann, übernimmt das Jugendamt den Beitrag – und das muss natürlich beantragt werden.

Stelle dir bitte vor, du flüchtest mit deiner Familie aus deiner Heimat, weil dort Krieg herrscht. Alles wird zurückgelassen, deinen gesamten Besitz trägst du mit dir herum und er passt in eine Sporttasche. Du kommst in ein fremdes Land, weißt nicht, was mit dir geschieht. Du wartest 3 Monate bis du weißt, ob du bleiben kannst, oder nicht. Dann kommst du erst wirklich an, beziehst eine Wohnung oder ein Wohnheim, und das erste, was dir entgegen schlägt ist die Deutsche Bürokratie. Da würde sich doch jeder willkommen fühlen…

Der Platz ist da

Gehen wir davon aus, die ersten beiden Hürden sind genommen, ein Platz ist frei und beantragt. Aber das Kind erscheint nicht. Wieso das? Es kann nicht, denn der Kindergarten ist zu weit weg. Gerade in ländlichen Gegenden sind die Asylheime oftmals außerorts. Teilweise existieren einfach keine Verkehrsanbindungen. Dann kann der Platz auch hundert mal frei sein, das Kind wird nicht in den Kindergarten gehen. Ist auch diese Hürde genommen (also nehmen wir an, der Kindergarten ist erreichbar), so kann es sein, dass das Kind nach kurzer Zeit den Kindergarten wechseln muss. Zum Beispiel könnte die Familie eine neue Wohnung zugewiesen bekommen (oder selber finden). In dem Fall verlängern sich die Wege zum Kindergarten und können wiederum nicht mehr bewältigt werden. Also muss das Kind den Kindergarten wechseln (und schon sind wir wieder bei Hürde eins, da muss nämlich Platz sein und der Wechsel muss beantragt werden).

Selbst wenn alles mögliche getan wurde, um einem Kind einen Kindergartenplatz zu ermöglichen, teilweise wollen die Eltern auch nicht, dass es ihn besucht. Die Gründe hierfür sind vielfältig, zum Beispiel ist es in einigen Kulturen einfach unüblich so kleine Kinder wegzugeben. Manche Familien wollen sich nach monatelanger, ungewisser Flucht einfach nicht voneinander trennen. Oder so etwas wie einen Kindergarten gibt es in anderen Kulturkreisen nicht, so dass er einfach abgelehnt wird. Letzten Endes sind die Gründe egal, da der Anspruch auf einen Platz zwar rechtlich zugesichert ist, aber keine Kindergartenpflicht existiert.

Geschafft und jetzt?

Wenn nun alle oben beschriebenen Probleme aus dem Weg geräumt wurden und das Kind nun in den Kindergarten kommt – ist jetzt alles super? Diese Frage kann man ganz einfach mit einer Gegenfrage beantworten: Reicht es, wenn man ein Kind ohne Heimat, ohne Sprachkenntnisse und ohne Freunde, teilweise stark traumatisiert, nach monatelanger Flucht in eine Gruppe von Gleichaltrigen steckt? Leider nein.

Das offensichtlichste Problem ist die Sprache. Nur die wenigsten Kinder sprechen eine Sprache, die die Erzieherinnen auch verstehen bzw. selber sprechen. Dieses Problem kann aber relativ einfach umgangen werden durch Gesten, Bilder oder auch ein Übersetzungsprogramm. Nur müssen die Kinder dann auch in die Gruppe integriert werden. Dies ist nicht immer so einfach, einige Kinder zeigen auffälliges Verhalten und nicht jede Erzieherin ist für den Umgang mit ihnen geschult. Wenn dann die Gruppe noch aus 25 Kindern besteht, können die Erzieher auch nicht die gesamte Zeit mit dem Kind verbringen. Oder aber sie vernachlässigen die Gruppe. Das Verhalten weicht oftmals auch in solcher Form ab, dass es mit ansässigen Kindern nicht vergleichbar ist. So verstecken sich die Kinder zum Beispiel vor Hubschraubern oder haben Angst vor Klebepistolen.

Oft unterschätzt wird auch die Angst der Erzieher im Umgang mit Flüchtlingskindern. Wenn ein Kind vor Dir steht, es dich kaum versteht, alles verloren hat, monatelang geflüchtet ist, Hunger, Durst, Gewalt und Krieg erlebt hat, was würdest du ihm sagen? Und wenn es Mist baut, wie würdest du versuchen mit ihm umzugehen? Wenn es weint, wie würdest du es trösten? Und wenn es in der Gruppe nicht akzeptiert wird, wie würdest du es stärken?

Kleinere Probleme wie der bürokratische Aufwand oder die Frage, ob das Kind Schweinefleisch essen darf, kann man noch verhältnismäßig einfach lösen. Manche Dinge sind kniffeliger. Was darf ein Mädchen aus Tschetschenien zum Mittagsschlaf anziehen? Dies alles kostet Zeit und Kraft. Hinzu kommt eine fast banale Tatsache. Wenn das Asylrecht verwirkt ist, dann ist das Kind einfach weg, meist ohne Vorwarnung. Wenn sich Kinder angefreundet haben, können sie meist nicht verstehen, wieso sie nie wieder miteinander spielen werden. Und die Erzieher haben viel Zeit in die Beziehung zu dem Kind gesteckt und konnten sich noch nicht mal verabschieden.

Wieso dann in den Kindergarten?

Der Weg in den Kindergarten ist beschwerlich, die Integration schwierig und alles kostet Zeit, Kraft und Geld. Wieso das alles? Weil sie dann die Sprache lernen und ihren Eltern bei der Integration helfen können? Weil sie unsere Sitten und Gebräuche erlernen? Weil sie gefördert werden? Das sind alles sehr erfreuliche Nebeneffekte. Sie sollen aber in den Kindergarten, damit sie wieder etwas an Normalität zurückgewinnen und dem Alltag entfliehen können. Weil sie einfach Kind sein dürfen, ohne Angst oder Wut. So wie jedes andere Kind in unserem Land auch.

Gibt es Alternativen?

Alternativ zur normalen Betreuung gibt es sogenannte Integrationsgruppen. Diese bestehen meist aus Personal das speziell im Umgang mit Kindern, die mehr Aufmerksamkeit in der Betreuung brauchen, geschult ist. Hierzu zählen nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund sondern zum Beispiel auch körperlich benachteiligte Kinder. Die Gruppen sind kleiner als die regulären Gruppen, so kann auf die Bedürfnisse der Kinder besser eingegangen werden. Durch die bessere Ausbildung und/oder Erfahrung mit betreuungsintensiven Kindern kann der Stress für beide Seiten reduziert werden.

In Sachsen läuft gerade ein Modellversuch. Dort wurden sogenannte „Willkommenskitas“ eingerichtet, die sich speziell auf die Ankunft von Flüchtlingen vorbereitet haben. Hierzu gab es spezielle Coachings, z.B. zum Umgang mit Eltern mit Migrationshintergrund oder zum Aufbau eines Unterstützungsnetzwerkes. Der Fokus liegt bewusst nicht auf der Sprache, da sich die Kinder diese untereinander beibringen. Vielmehr geht es um eine bessere Ausbildung der Erzieher zum Thema Migration. Das Projekt ist noch bis 2017 geplant.
https://www.dkjs.de/themen/alle-programme/willkommenskitas/

Dann habe ich noch den folgenden Link gefunden, der Erziehern (und auch Eltern) helfen soll im Umgang mit den Flüchtlingskindern.
http://www.bildungsserver.de/Fluechtlingskinder-in-Kitas-11436.html

Eine weitere Hilfe sind natürlich die Eltern der anderen Kinder. In Worpswede zum Beispiel (ein Künstlerort in Norddeutschland und nur 5 Minuten von hier weg) wurde ein Elternfahrdienst für ein Flüchtlingskind eingerichtet, damit es den 10km entfernten Kindergarten besuchen konnte. In anderen Orten wird eine ehrenamtliche Kinderbetreuung für Flüchtlinge angeboten. Viele Projekte beschäftigen sich mit dem Thema, daher möchte ich hier keine einzelnen Links ausführen. Fragt doch einfach Google, was in eurer Stadt gemacht wird.

Fazit

Ich persönlich hoffe, dass es zukünftig noch eine bessere Kitaintegration geben wird. Leider denke ich, dass die Gemeinden (wie auch unser gesamter Staatsapparat) erst mal mit den enormen Flüchtlingszahlen überfordert sein werden. Hoffentlich finden sich bald Möglichkeiten, das alles in einfachen und geregelten Bahnen verläuft und eine Menge Bürokratie wegfällt. Nur dann haben wir die Möglichkeit, den geflüchteten Kindern auch eine wirkliche Chance auf eine unbeschwerte Kindheit zu bieten. Und das Kindswohl aller Kinder in Deutschland, seien sie schwarz,braun oder weiß, sollte uns allen am Herzen liegen.

#bloggerfuerfluechtlinge

Ich hoffe, der Beitrag hat euch gefallen. Solltet ihr mehr über das Projekt #BloggerFuerFluechtlinge wissen wollen, dann folgt einfach dem Link. Das Projekt finanziert sich aus Spenden, auch hierfür der Link:
http://www.blogger-fuer-fluechtlinge.de/spenden/geld-spenden/

Wie immer könnt ihr mir gerne einen Kommentar hinterlassen, das freut mich ungemein. Und tragt euch in den Newsletter ein, wenn ihr zukünftig nichts mehr verpassen wollt.

Viele Grüsse und eine schöne Woche,

Thomas

3 Kommentare zu “Migration im Kindergarten – #bloggerfuerfluechtlinge

  1. Die bürokratischen Mühlen in Deutschland sind tatsächlich unsäglich. Im Asylrecht arbeiten die Mühlen tatsächlich sehr langsam. Ich hoffe, dass es bald beschleunigte Verfahren zur Aufnahme gibt und das auch für Kitas gilt. Ich würde mein Kind bevorzugt in einen Kindergarten geben, in dem Inklusion in jeder Hinsicht gelebt wird.

    VG,
    Jogi

    PS: der Domainname hat mich tatsächlich auch am Anfang etwas in die Irre geführt;-) …habe es jetzt aber verstanden:-)

    1. Hi, vielen Dank für deinen Kommentar.

      Leider kann man sich den Kindergarten nicht immer aussuchen, in unserer Gemeinde fehlen z.B. über 20 Plätze für Kinder. Da ist man froh, was man bekommt 🙂

      VG,

      Thomas

  2. Ja, das ist leider in vielen Orten die Realität. Bei uns muss man sich bereits zur Zeit der Schwangerschaft (!) schon für einen Kindergartenplatz bewerben. VG Jo

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